Bob Dylan 2001

»You ask me questions.
And I say that every question,
if it's a truthful question,
can be answered by askin' it ...«


Eine ebenso unvollständige wie subjektive Chronik (Teil IV)

Teil I: 1941–1966
Teil II: 1966–1978
Teil III: 1979–1988
Teil IV: 1988–2009

von Zippo Zimmermann

1988-heute

(Bild vergrößern) Bob Dylan bei einem Konzert der »Never Ending Tour« 1999
Bob Dylan bei einem Konzert der »Never Ending Tour« 1999

»Die Bühne ist der einzige Ort, an dem ich glücklich bin.«
– 1988 beginnt Bob Dylan eine Tournee in kleiner Besetzung (Gitarre, Baß, Drums). Als die Konzertreise 1989 immer noch andauert, wird sie von den Fans »The Never Ending Tour« genannt. Daß Dylan im Jahr 2009 immer noch auf »Never Ending Tour« sein würde, hätte wohl denoch kaum jemand geglaubt.
Dylan reist mit gelegentlich wechselnder Besetzung als letzter fahrender Sänger rund um den Erdball, wobei er Abend für Abend Melodien, Texte, Arrangements, Programmfolge und Bühnenshow variiert und improvisiert.
   Ob in New York, Tokyo oder Buenos Aires, in Bad Mergentheim, Reikjavik oder Kuala Lumpur, ob vor 100 oder 100 000 Zuschauern, ob in der Militär-Akademie, auf dem Betriebsfest oder vor dem Papst: der Troubadour singt für alle, die ihn hören wollen.
   Gelegentlich schauen alte Freunde, gute Kollegen und ehrfürchtige Verehrer vorbei, um mehr oder weniger gelungene Duette mit dem Meister darzubieten (Neil Young, Dave Stewart, Jerry Garcia, Sheryl Crow, Norah Jones, George Harrison, Patti Smith, Van Morrison, Tom Petty, Bono Vox, Lenny Kravitz, Bruce Springsteen, Jewel, Elvis Costello u.v.a.).
   Jedes der bisher über 1800 Konzerte wird von Fans mitgeschnitten und via »Tape Tree«, Schwarzpressung (»Bootleg«) und ab Mitte der 90er auch über das Internet verbreitet.
Die »Never Ending Tour« führt Dylan ca. alle 1–2 Jahre auch nach Deutschland.
   Die aktuellen Termine der »Never Ending Tour« gibts im Tour Guide.

1988

Als »The Traveling Wilburys« veröffentlichen George Harrison, Jeff Lynn, Tom Petty, Roy Orbison und Bob Dylan ein Album voller gutgelaunter skurriler Song-Einfälle.

1989

Als hätte der Ausflug mit den »Wilburys« seine Schreibblockade gelöst, legt Dylan mit »Oh Mercy« sein großes Comeback-Album vor.

1989

Dylan hat eine kleine Nebenrolle in Dennis Hoppers »Backtrack/Catchfire«: Er spielt einen Kettensägen-Künstler. :-)
(->Parodie)

1989

Bob Dylan bei »Chabad Telethon«
Dylan mit ungewohntem Instrumentarium bei »Chabad Telethon«

Zum dritten Mal hat Bob Dylan einen Auftritt in der jüdischen Wohltätigkeits-TV-Sendung »Chabad Telethon«: diesmal spielt er auf der Blockflöte (!) jiddische Volksweisen (»Einsleipt mein Kind dein Eigalach«, »Adelita«, »Hava Negilah«). Sein Schwiegersohn Peter Himmelman begleitet ihn auf der Gitarre.

1990

Bei den Aufnahmen zu »Under The Red Sky« gibt sich die Rock-und-Pop-Prominenz die Klinke in die Hand: Elton John, George Harrison, Slash (von Guns'n'Roses), Don Was, David Crosby, Bruce Hornsby, Jimmie Vaughan, Stevie Ray Vaughan und David Lindley tragen ihr Scherflein bei.

Doch Dylan weiß die Ehrerbietung nicht immer zu würdigen: »Klingt zu Guns'n'Roses-mäßig« lautet Bobbys knappes aber hartes Urteil über Slashs Gitarren-Solo und schnippelt es aus der endgültigen Album-Fassung einfach heraus. Daß Guns'n'Roses kurze Zeit später eine schauerliche Fassung von »Knockin' On Heaven's Door« herausbringen, kann daher nur als Racheakt gedeutet werden.

1990

Dylan erhält vom Kultur-Minister Jack Lang die höchste kulturelle Auszeichnung Frankreichs und wird zum »Commandeur de l'Ordre des Arts et des Lettres« ernannt.

1991

Für das AIDS-Benefiz-Album »For Our Children« nimmt Dylan in seinem Garagen-Studio das Kinderlied »This Old Man« auf. Dabei spielt er in helgeschneideresker Manier alle Instrumente selbst.

1991

Mit »The Bootleg Series Volumes 1-3« macht Dylan seine Prophezeihung von 1985 wahr (-> siehe oben) und veröffentlicht ein 3-CD-Set mit ausschließlich bislang unveröffentlichten Studio-Aufnahmen aus seinem 30jährigen Schaffen.

1991

Während gerade der Golfkrieg tobt, schmettert Dylan den amerikanischen Fernsehzuschauern live von der Grammy-Verleihung ein zorniges »Masters of War« in die gute Stube.

1991

Während Dylan und Band im kaum ein Drittel gefüllten »Sport-Palast« von Mexico Stadt spielen, lauschen auf dem umliegenden Gelände etwa 30 000 Menschen dem Konzert, das über Lautsprecher nach draußen übertragen wird.

1992/93

Bob Dylan und seine Mutter Beatty Zimmerman
Bob Dylan zusammen mit seiner Mutter Beatrice (»Beatty«) Rutman bei der Kennedy-Awards-Verleihung 1997. Beatty starb 2000 im Alter von 84 Jahren.

Dylan back to the roots: wie schon 1961 auf seinem Album-Debüt, singt er auf »Good As I Been To You« und »World Gone Wrong« traditionelle Folk- und Blues-Balladen. Mit dem Unterschied, daß er diesmal den großen alten Bluesmann nicht spielt.

Im Booklet gibt Dylan Erläuterungen zu den Songs und räumt auf mit dem »Never-Ending-Tour-Geschwätz« – es handele sich vielmehr um viele verschiedene Tourneen: etwa The Money Never Runs Out Tour (Herbst '91), Southern Sympathizer Tour (Frühjahr '92), Why Do You Look At Me So Strangley Tour (Europa '92), The One Sad Cry of Pity Tour (Australien & USA '92), Principles Of Action Tour (Mexiko/Südamerika '92), Outburst Of Consciousness Tour ('92), Don't Let Your Deal Go Down Tour ('93) »... und viele mehr, die ich jetzt nicht alle aufzählen kann.«

1993

Bei der Amtseinführung von Präsident Bill Clinton schrabbelt Dylan »Chimes Of Freedom«, begleitet von Quincy Jones' Big Band.

1994

Hatte er bislang nur auf Platten-Hüllen und im Text-Buch »Lyrics« den Pinsel geschwungen, so bringt Bob Dylan 1994 mit »Drawn Blank« einen ausgewachsenen Kunst-Band mit etwa 100 Zeichnungen heraus.
(->Foto: Bob Dylan in seinem Atelier)

Zeichnungen von Bob Dylan
The Art of Bob: Zeichnungen aus »Drawn Blank«

1994

Dylan – ansonsten nicht unbedingt in der MTV-Heavy Rotation – spielt ein Unplugged-(Ach was!)-Konzert im Studio des Musiksenders, wobei er sich zu einem Greatest-Hits-Programm beschwatzen ließ. Trotz allem ein gelungener Auftritt mit vielen Highlights.

1997

Am 7. April 1997 hat das Publikum von Fredericton/Kanada die Ehre der 1000. Aufführung von »All Along The Watchtower« beizuwohnen.

1997

Bob Dylan & Wyclef Jean
1996: Spaßvogel Dylan hält mal kurz den Wuschelkopf in die Kamera, als Hip-Hopper Wyclef Jean in seinem »Gone Til November«-Video was von »Knockin' On Heaven's Door« singt. (->Video)

Eine lebensgefährliche Herzbeutel-Infektion beschert Bob Dylan einen längeren Krankenhaus-Aufenthalt. Doch Dylan springt dem »Man in the Long Black Coat« noch einmal von der Schippe und kann aufatmen: »Ich dachte schon, ich würde bald Elvis sehen.«

1997

Bob Dylan wird zum ersten Mal für den Literatur-Nobelpreis nominiert. Weitere Nominierungen folgen regelmäßig in den darauffolgenden Jahren. 

1997

(Bild vergrößern) Bob Dylan und Papst Jojannes Paul II. 1997
Der Papst scheint sich bei Dylans Auftritt nicht so recht zu amüsieren.

Bob Dylan besucht den Papst. Beim Eucharistischen Welt-Kongress im Stadion von Bologna/Italien spielen Dylan und Band 3 Songs. Bobby macht artig Shakehands mit dem Pontifex. Dieser versucht sich in seiner Predigt an einer Interpretation von »Blowin' In The Wind«. Alle Anti-Establishment-Altachtundsechsziger sind selbstverständlich irritiert.

1997

Als Dylan drei Tage lang eingeschneit auf seiner Farm in Minnesota festsitzt, nutzt er die Zeit, um kurz mal ein komplett neues Album zu schreiben: »Time Out Of Mind« wird von der Kritik hochgelobt, von den Fans geliebt und heimst gleich drei Grammys ein. 

1998

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm: Gleichzeitig mit Bob Dylan werden auch die »Wallflowers« mit einem Grammy ausgezeichnet. Ihr Bandleader: Dylan-Filius Jakob.

1998

Dylans Auftritt beim 32. Montreux Jazz Festival (Schweiz) am 3. Juli 1998 ist gleichzeitig das 1000. Konzert der seit 1988 andauernden »Never Ending Tour«.

1998

(Bild vergrößern) Think different.
Auch Dylan denkt die Differenz: Anzeige für Apple

Dylan hält seinen jugendlichen Kopf hin für eine Anzeigen-Kampagne von Alt-Hippie Steve Jobs' Computerfirma Apple, die mit den Konterfeis berühmter Querdenker wirbt (»Think different.«).
Jobs und Dylan teilen sich übrigens ein Ex-Girlfriend: Joan Baez.

1999

Dylan hat einen Gastauftritt »as himself« in der US-Comedy-Serie »Dharma & Greg«.

2000

Bob Dylan nimmt in Stockholm den Polar-Musikpreis aus den Händen des schwedischen Königs Carl Gustav entgegen. Ein Kinderchor singt »Blowin' in the Wind«. Das Festbankett schwänzt Dylan dann doch lieber.
(->Foto: Bob Dylan & Carl Gustav)
 

2001

(Bild vergrößern) Bob Dylan 21.01.2001
Dylan ganz happy mit dem Golden Globe.

»Never did get any Golden Globe award« sang Dylan 1981 über Lenny Bruce. Das Schicksal seines Vorbilds bleibt Bobby erspart: Er staubt eine Trophäe ab für »Things Have Changed«, den Titelsong zum Michael-Douglas-Streifen »Wonder Boys«. Dem Song verdankt Dylan auch seinen ersten Oscar. (->Foto)

2001

Dylan spendiert der Tierschutzorganisation World Wildlife Fund den Song »Shelter From the Storm« für ihre Kampagnen: »Früher waren Tiere die einzigen, die meine Musik mochten. Jetzt ist es Zeit endlich mal die Rechnung zu begleichen.«

2002/2003

Filmposter "Masked & Anonymous"Er hat es wieder getan! Nach Jahren der Leinwandabstinenz versucht sich Dylan wieder an einem eigenen Kinofilm. Und Hollywood steht Schlange, um zumindest in einer Minirolle zusammen mit Bobby in die Kamera glotzen zu dürfen. Luke Wilson, Penelope Cruz, Jessica Lange, Jeff Bridges, John Goodman, Angela Bassett, Mickey Rourke, Laura Harring, Ed Harris, Val Kilmer, Christian Slater, Giovanni Ribisi, Chris Penn u.v.m. spielen zum Tarif-Honorar in »Masked and Anonymous« neben Dylan, der in der selbst verfassten Geschichte einen inhaftierten Troubadour mimt. Die Regie überlässt er »Seinfeld«-Macher Larry Charles.

Der schräge Streifen floppt in den Kinos. Doch Dylan findet tröstende Worte für seinen Regisseur Charles: »Mach dir nichts draus! Es gibt keinen Erfolg ohne Misserfolg. Und Erfolg ist der größte Misserfolg.«
(->DVD bestellen)

2004

(Bild vergrößern) Victoria's-Secret-Werbung
»How many breasts can a bra push up / Before they see the sky?«

Pressekonferenz 1965. Frage: »Mr. Dylan, würden Sie sich jemals für die Werbung verkaufen?«
Dylan (überlegt kurz):»Damenunterwäsche.« (Lachen)

Und jetzt haben wir den Salat: »one of the strangest marriages of art and commerce imaginable«, »The sellout sell-out of the week« - Bob Dylan tritt zum ersten Mal in seiner über 40jährigen Karriere in einem Fernsehspot auf, wo er, flankiert von Supermodel Adriana Lima, die neueste Unterbuxen-Kollektion von Victoria's Secret anpreist. Von Bobby selbst gibt es wie üblich no comment.

2004

Bob Dylan akzeptiert seine zweite Ehrendoktorwürde an St. Andrews, Schottlands ältester Universität (prominenter Studi: Prinz William). Der Uni-Chor singt »Blowin' in the Wind«.

2004

Bob Dylan tourt zusammen mit Country-Legende Willie Nelson durch kleinere US-Baseball-Parks: »What we aim to do with this tour is hit the ball out of the park, touch all the bases and get home safely«

2004

Dylan veröffentlicht den ersten Teil seiner dreibändigen Autobiografie »Chronicles«.

2006

Bobby wird Radio-DJ. In seiner Sendung »Theme Time Radio Hour With Bob Dylan« auf XM-Radio legt der Meister obskure Fundstücke aus seinem Plattenschrank auf und kommentiert mit rauchiger Stimme. Die »Theme Time Radio Hour With Bob Dylan« läuft bis 2009 100 Folgen lang.

2007

 

(Bild vergrößern)
Dylan tauscht kurzzeitig Gitarre mit Pinsel.

Dylan im Museum. Im ostdeutschen Städtchen Chemnitz gibts die jüngsten Pinseleien des Meisters zu bewundern.

Und so kam es dazu: Ingid Mössinger (Chefin der Chemnitzer Kunstsammlung) fällt Dylans Zeichnungsband "Drawn Blank" von 1994 in die Hände und liest im Vorwort, dass Dylan die Zeichnungen nur als Vorskizzen zu den eigentlichen Gemälden betrachtet. Also ruft sie beim Künstler an und fragt nach ob die Bilder inzwischen fertig seien. Dylan verneint ist aber hocherfreut über das Interesse und beginnt alsbald den Pinsel zu schwingen. 1 Jahr später sind 140 Aquarelle und Gouachen fertig und Chemnitz hat seine Kunstsensation.

2007

Mit dem Album »Modern Times« schafft es Dylan zum ersten Mal seit »Desire« (1976) wieder an die Spitze der US-Album-Charts – ein bislang einzigartiges Rekord-Comeback.

2009

Nachdem seine letzten Platten in einhelligem Konsens gelobt wurden, fand es Dylan wohl mal wieder and der Zeit ein paar Anhänger zu verschrecken: Mit seiner schrägen Weihnachtsplatte »Christmas in the Heart« sorgt er für heilloses Entsetzen in den Fanforen. Und alle diejenigen, die keine Vorurteile gegenüber einem Sound haben, der wie eine Kollaboration der Andrew-Sisters mit Tom Waits klingt, erfreuen sich an der originellsten Festtagsplatte seit langem.

 

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